Geboren am 19. März 1928, verstarb Hans Küng gestern, am 6. April 2021, in Tübingen, wo er seit 1960 dozierte und lehrte.

Am 13. November 2013 habe ich ihn besucht, in Tübingen, zusammen mit Wolfgang Seibel SJ. Küng war ein perfekter Gastgeber: ein freundlicher Empfang, hochinteressante Gespräche, ein feines Essen, für das Frau Abt und Frau Saur zuständig waren. Küng nahm sich ausführlich Zeit. Und trotz der Medikamente, die er nehmen musste, wollte er auf ein Glas Sekt am Beginn des mehrstündigen Treffens nicht verzichten.

Seibel und Küng waren Kollegen aus der Germaniker-Zeit in Rom. Seibel war seit 1947 dort, Küng kam 1948. Bis 1955 wohnten sie unter einem Dach. In seinem ersten Memoirenband »Erkämpfte Freiheit« (2002), den ich seinerzeit verschlungen habe, berichtet er ausführlich über die römischen Studienjahre. Seibel war von 1966 bis 1998, sagenhafte 32 Jahre lang, Chefredakteur und Herausgeber der »Stimmen der Zeit« und hat seinem Studienfreund oft eine Plattform geboten – nicht immer zur Freude von Karl Rahner SJ übrigens. Zu Weihnachten hat sich Küng stets telefonisch bei Seibel gemeldet.

Natürlich wollte ich Küng bei dem Besuch für einen Artikel in den »Stimmen der Zeit« gewinnen. Das ist mir nicht gelungen. Als ich in der Dezember-Ausgabe 2015 sein Buch »Sieben Päpste« vorstellte, hat er sich brieflich bedankt, nicht ohne auf Kritik einzugehen: »Dass Sie am Schluss dem ›Wilhelm Tell für deutschsprachige Theologie des 20. Jahrhunderts‹ ausdrücklich ›Recht‹ geben, freut mich natürlich und lässt einige Spitz- und andere weniger freundliche Findigkeiten übersehen.«

Küng und Ratzinger: die »Teenager des Konzils«

Die Breitenwirkung, die Hans Küng über Jahrzehnte hinweg hatte, muss ihm erst einer nachmachen! Seine Bücher haben Tausenden geholfen, intellektuell redliche Christen zu werden oder zu bleiben. Der Entzug der Lehrbefugnis 1979 ist kein Ruhmesblatt – weder für den Vatikan noch für die Deutsche Bischofskonferenz.

Küngs Buch »Konzil und Wiedervereinigung – Erneuerung als Ruf in die Einheit« (1960) war ein Weckruf am Vorabend des Zweiten Vatikanums (1962–1965). Dort galten er und ein anderer Theologe, den er 1966 als Dekan von Münster nach Tübingen holen sollte, als »Teenager des Konzils«: Joseph Ratzinger und Hans Küng gingen später sehr verschiedene Wege.

Die Begegnung in Castel Gandolfo: Martini und Ratzinger

Im unmittelbaren Vorfeld des Konklaves vom April 2005 hatte Küng einen Offenen Brief an die Kardinäle zur Papstwahl gerichtet, die er als »Schicksalsstunde« nach dem 27-jährigen Wojtyla-Pontifikat bezeichnete. Das Ergebnis der Wahl bezeichnete er unverhohlen als »eine Riesenenttäuschung für die ungezählten, die auf einen reformerischen Seelsorgepapst hofften«.Trotzdem bat Küng den neuen Papst am 30. Mai 2005 brieflich um ein Gespräch (»Sicher werde ich Sie nicht um die Rückgabe der Missio canonica bitten«) – und erhielt prompt eine positive Antwort. Am 24. September trafen sich die beiden in Castel Gandolfo; eine Weltsensation, die erst durch ein gemeinsames Kommuniqué vom 26. September 2005 publik wurde.

Auf dem Weg zu dieser historischen Begegnung entdeckte Küng im Gartenrestaurant seines Hotels seinen Favoriten für die Papstwahl: den Mailänder Jesuitenkardinal Carlo Maria Martini. »Durch den Kellner schicke ich ihm meine Visitenkarte, und er lädt mich an seinen Tisch ein. Er sei am Morgen beim Papst gewesen, erfahre ich, und habe ihm drei Punkte für die Zukunft vorgeschlagen: Sehr viel weniger tun als der Vorgänger; die Präsidenten der Bischofskonferenzen zu einem freien Meinungsaustausch zusammenrufen; die Führer der Weltreligionen nicht zum Gebet, sondern zu einem mächtigen Zeugnis für Religion in der heutigen Welt zusammenbringen. ›Kann Papst Ratzinger sich noch ändern?‹, frage ich. Martini zögernd: ›Sí, sí, aber nur langsam.‹ Ratzingers große Chance sei: Er könne in der Kirche Reformen durchsetzen, die er, Martini, als Papst nie hätte durchsetzen können.«

Viele hatten sich damals gewünscht, dass aus dem »Martini rosso« ein »Martini bianco« wird!

»Ein vatikanischer Frühling?«

Acht Jahre später veröffentlichte Küng am Tag, als der Rücktritt Benedikts XVI. wirksam wurde, am 28. Februar 2013, zeitgleich in der »New York Times«, in »La Repubblica« (Rom), in »El País« (Madrid) und im »Handelsblad« (Rotterdam) einen Artikel, in dem er einen vatikanischen Frühling (mit Fragezeichen versehen) herbeisehnte. Die Wahl von Jorge Mario Bergoglio, dem ersten Jesuitenpapst der Geschichte, war für Küng ein Hoffnungszeichen. Am 13. Mai 2013, zwei Monate nach der Wahl, schrieb er Franziskus einen Brief und erhielt darauf eine freundliche Antwort. Am 2. Dezember 2013 − inzwischen war das programmatische Apostolische Schreiben ›Evangelii gaudium‹ (26. November 2013) erschienen, schrieb er ihm noch einmal: Franziskus solle sich durch den Widerstand in der Römischen Kurie nicht entmutigen lassen. Der knappe Briefwechsel setzte sich 2014 fort.

In seinem Buch »Sieben Päpste« geht Küng auch auf eine Privataudienz ein, die ihm Paul VI. wenige Tage vor dem Abschluss des Konzils am 2. Dezember 1965 gewährte. Papa Montini soll ihn dabei für das Bischofsamt umworben haben. »Oft habe ich mich gefragt: Hätte ich mich damals vielleicht doch im Sinn des Papstes entscheiden sollen, nachdem ich ganz offensichtlich das Wohlwollen dieses Papstes hatte? Die große Chance meines Lebens – habe ich sie verpasst? Antwort: Dass ich im römischen System einiges Gutes bewirken könnte, will ich nicht bestreiten; das ist ein Erstes. Und dass ich jederzeit auf den römischen Weg einschwenken könnte, das ist ein Zweites; bald wird ein weiterer Austausch erfolgen. Aber dass ich dies aus guten Gründen nicht tun kann, kein Anpasser werden darf, werden will, das ist ein Drittes.«

Ein Anpasser war er fürwahr nicht, Hans Küng, lebenslang nicht. Ob er jetzt im Himmel eine Debatte über die päpstliche Unfehlbarkeit vom Zaun bricht? R.I.P.

(Nachweise: Hans Küng, Sieben Päpste. Wie ich sie erlebt habe. München 2015, S. 260 u. 265)

Küng-Rezension 2015 (StdZ)