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Geboren bin am 4. Oktober 1962 – und manchmal sage ich dazu: Schon eine Woche später, am 11. Oktober, begann eine bedeutende Kirchenversammlung. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) war das wichtigste Ereignis der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert: Anschluss an die Moderne, Aufbruch aus erstarrten Strukturen, einer steril gewordenen Theologie, die am Kanon der Lebensfragen vorbei meistens lediglich „ewige Wahrheiten“ wiederholte. Der Frühling zog in die Kirche ein.

Der Sprung über den Arlberg

Aufgewachsen bin ich in Bregenz am Bodensee. Es gibt sie – gute Erfahrungen in der Kirche: in der Riedenburg bei den Sacre Cœur-Schwestern, später in der Pfarre St. Kolumban. Meine Religionslehrer waren immer spannende Typen.

Auf das Abitur (Juni 1981) folgte der Sprung auf die andere Seite des Arlbergs – für einen Alemannen keine so leichte Sache. In Innsbruck begann ich Philosophie und Theologie zu studieren: als Priesteramtskandidat für die Diözese Feldkirch. Bald merkte ich: Pfarrer möchte ich nicht werden. Die Jesuiten an der Theologischen Fakultät faszinierten mich. Ich begann mich für den Orden zu interessieren.

Ein Semester in Israel, in Nazareth vor allem und in Jerusalem (März bis Juni 1984), half bei der Berufsklärung. Vielleicht war es auch ein „Erwachen“: das Zusammenleben in der Bibelschule, die Exkursionen, das gemeinsame Leben in einer gemischten Gruppe. Im Februar 1985 verließ ich das Priesterseminar. Die Umstellung auf ein normales Studentenleben fiel mir gar nicht so leicht. Die übliche Rundumversorgung fiel aus.

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„Ich werde Jesuit!“

Luftsprünge haben meine Eltern keine gemacht, als ich ihnen im eröffnete, ich hätte um die Aufnahme in den Jesuitenorden angesucht. Im September 1985 trat ich ein. Ausbildungsabschnitte führten mich von Innsbruck nach München und Frankfurt am Main, nach Wien und (2004/05) in die USA – drei Monate davon als Pfarrer in der Pine Ridge Reservation in South Dakota. Im April 1993 wurde ich in Wien zum Priester geweiht.

Erfahrungen sammeln konnte ich in der Seelsorge einer Wiener Großstadtpfarrei, in einem internationalen Priesterseminar (Canisianum) und in der Klinikseelsorge. Seit 1985 schreibe und publiziere ich regelmäßig – und habe nie damit aufgehört. Später lautete im Orden die Alternative: schreiben oder lehren? Beides lässt sich miteinander verbinden!

Nach meiner Promotion wurde ich im Juni 2000 in die bayerische Landeshauptstadt geschickt. Seit Dezember 2000 gehörte ich der Redaktion der Kulturzeitschrift „Stimmen der Zeit“ an, im September 2009 wurde ich deren Herausgeber und Chefredakteur. Lehraufträge in Fundamentaltheologie erhielt ich an der TU Dresden, an der Universität Bamberg und an der Universität Innsbruck. Vier Mal dozierte ich an der Sogang-University der Jesuiten in Seoul/Korea.

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Die Lebenszäsur 2017: „Sagen Sie alle Termine für ein Jahr ab!“

Seit April 2014 wohne ich in der kleinen Jesuitenkommunität an St. Michael in der Münchner Innenstadt – und arbeite in der Cityseelsorge mit. Mit Jahresende 2017 sollte ich bei den „Stimmen der Zeit“ ausscheiden.

Im September 2017 wurde ich mit etwas konfrontiert, was man nicht plant: Diagnose Krebs. „Sagen Sie alle Termine für ein Jahr an!“ So ein Satz haut einen um. Anstatt in Jerusalem eine Sabbatzeit anzutreten, begann eine lange medizinische Behandlung: Chemo- und Strahlentherapie, drei Operationen. Ein Macher musste machen lassen. Jetzt gehöre ich zu denen, die überlebt haben. Und es ist sogar ein Buch über diese Zeit entstanden („Durchkreuzt“, Verlag Tyrolia 2018). Das Schreiben wurde zu einer Art Therapie.

Vom 1. März bis 31. Mai 2019 kann ich meine Sabbatzeit in Israel nachholen. Wer einmal die Fünfzig überschritten hat, wer aufgrund einer lebensbedrohlichen Erkrankung mit „letzten Fragen“ konfrontiert war, fragt sich auch: Hätte mein Leben anders verlaufen können? Wäre ich besser Lehrer oder Journalist geworden? Oder Landpfarrer?

Ich bin gern Jesuit, auch nach über 34 Jahren. Ordensexistenz gibt es nicht ohne Krisen. Sie als Herausforderung anzunehmen, damit umgehen zu lernen – darauf kommt es an. Enttäuschungen bleiben nicht aus. Sonderbarerweise oder nicht: Obwohl ich stets auf der „akademischen Schiene“ tätig war, mein Arbeitsplatz meistens der Schreibtisch war, habe ich seit meiner Priesterweihe immer auch in der Seelsorge mitgearbeitet: im Bregenzerwald vor allem, über zehn Jahre in Andelsbuch (die schönste Zeit in meinem Leben), seit 2014 regelmäßig in München.

Diese Erfahrungen prägen – und inspirieren. Der Reflexion geht ja die Praxis voraus. Die Begegnung mit Menschen, das Mitgehen, Anteilnehmen und Begleiten in den verschiedenen Lebenssituationen kostet Kraft. Aber es beschenkt und bereichert auch. „Menschen für andere“ wollen Jesuiten sein.

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Papst Franziskus: „Weckt die Welt auf!“

Der erste Jesuitenpapst der Geschichte macht es der Kirche nicht leicht: mit seinem Stil ebenso wenig wie mit seinen Inhalten und Themen. „Salonchristentum“ und Klerikalismus sind ihm zuwider. Franziskus prägt mich. Und provoziert mich. „Weckt die Welt auf! Seid Zeugen eines anderen Handelns!“: Was der Papst 2014 Ordensleuten zurief, ist mir zum Evergreen geworden. Und hat mich mein Jesuit-Sein nach über drei Jahrzehnten neu entdecken und schätzen lassen.

Mit dem Buch „Der evangelische Papst“, erschienen Anfang April 2018, habe ich versucht, auf die ersten fünf Jahre dieses außergewöhnlichen Pontifikats zurückzuschauen. Der Untertitel fragt: „Hält Franziskus, was er verspricht?“ Ich war erleichtert, dass ich das Manuskript drei Tage vor einer schweren Operation im Januar 2018 beim Verlag Kösel abgeben konnte – und dass das Buch erschienen ist. Schreiben ist (mein) Leben.

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„Macht Krach!“

Sind Jesuiten Exoten? Wir sind vor allem Menschen, die versuchen, mit Leidenschaft Gott zu suchen und zu finden. Anderen genau dabei zu helfen. „Unterscheidung der Geister“ lautet eine Methode unseres Ordensgründers Ignatius von Loyola (1491–1556) dabei: Aus den vielen Stimmen die eine Stimme herausfiltern. Spuren Gottes in dieser säkularen Welt zu entdecken. Fragen und Krisen als Chancen begreifen lernen. Wir schrumpfen natürlich, wie alle Orden. Aber es kommt nicht auf Zahlen an, sondern auf die Qualität. Auf das Engagement, auf Lebens- und auf Glaubensfreude.

Der Jesuit und Theologe Karl Rahner (1904–1984) prägt mich seit frühesten Studienjahren. Über ihn habe ich meine Diplomarbeit („Was heißt Jesus lieben?“: 1991) und später meine Doktorarbeit („Die Mysterien des Lebens Jesu bei Karl Rahner“: 2000) geschrieben. Er meinte einmal in seiner Meditation „Ich glaube an Jesus Christus“ (1968): „Hartes, nüchternes, bohrendes – wenn es sein muss Fragen ist schon ein Akt der Frömmigkeit, die dem geistig wachen Christen geboten ist.“ Glauben und Denken – das ist kein Widerspruch!

„Macht Krach!“ („¡Hagan lío!“): Das hat Papst Franziskus auf dem Weltjugendtag in Rio de Janeiro im Juli 2013 nicht nur Jugendlichen zugerufen. Aus dem Mund eines Papstes sicher ungewöhnlich genug. Mindestens gewöhnungsbedürftig. Ausbuchstabiert bedeutee es: Macht Euch bemerkbar! Findet Euch nicht ab! Mischt Euch ein! Stiftet Unruhe! Wirbelt durcheinander! Also: Es lohnt, Christ zu sein – und immer mehr Christ zu werden.

Ausführlicher Lebenslauf

Sabbatzeit in Jerusalem

Vom 1. März bis 31. Mai 2019 verbrachte ich eine Sabbatzeit in Jerusalem. Hier meine Eindrücke und Erlebnisse …

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