Unter dem Titel »Dieses Leid sucht die Bühne« fragt Patrik Schwarz in der Rubrik »Christ&Welt« der Wochenzeitung DIE ZEIT (Nr. 14/2024, Seite 14): »Warum berühren uns die Bilder des kranken Papstes so?« Eine Antwort:

»Weil die Welt sonst meist nur simulierte Überlegenheit kennt«

»Und wäre nicht spätestens jetzt, nach seiner Entlassung aus der Gemelli-Klinik in Rom«, so Schwarz weiter, »ein Rücktritt des 88-Jährigen im Rollstuhl nur vernünftig? Vernünftig vielleicht, aber Vernunft ist nicht alles, gerade in Fragen von Leben und Tod. In diesen Situationen sind auch die Mächtigsten auf einen Zustand reduziert, der uns allen früher oder später droht: Was tun, wenn ich schwach werde? In einer Welt, deren Anführer von Trump über Erdoğan bis Putin mit ihrer Stärke punkten, demonstriert Franziskus: Es geht auch anders. Er verbirgt seine Schwäche nicht, er lässt uns sein Leiden spüren – und macht uns allen eine andere Art von Umgang mit Krankheit, Verfall und letztlich Tod vor. Welcher weltliche Herrscher hätte dazu den Mut?

So beginnt Papst Franziskus, der stets mehr ein Mann der berührenden Gesten war als der kunstvollen Predigten, womöglich gerade die schwierigste, aber auch eindrucksvollste Zeit seines zwölfjährigen Pontifikats.«

Verweis auf die Installation von Joseph Beuys: »Zeige deine Wunde«

»Papst Franziskus lehnt sich an einen Aus- und Durchhaltekünstler an, der so erbarmungswürdig war, wie er erfolgreich wurde: Jesus Christus. Zeige deine Wunde – der Sohn des christlichen Gottes macht es bis heute in Kirchen in aller Welt vor. Damit spricht ein Ernst – und ein Herz – aus Franziskus’ Gesten, dem man sich schwer entziehen kann. Hier zeigt sich echtes Leid – und echte Unbeirrbarkeit. Dass dieses Leiden nicht privatisiert, sondern die Bühne sucht, daran werden sich manche stören. Gleichzeitig ist zutiefs katholisch, was die Welt nun zu sehen bekommt: Zwischen Empfindung und Inszenierung sah man in Rom noch nie einen Gegensatz.

Mit seinem öffentlichen Leidensweg dementiert der Papst die Gleichsetzung von Gesundheit und Vorzeigbarkeit: Wer krank ist oder auch nur behindert, so gilt es vielerorts, bleibt besser unsichtbar. Dagegen erweitert der Papst das Rollenspektrum für Führungsfiguren, wie es in der deutschen politischen Klasse etwa der CDU-Veteran Wolfgang Schäuble im Rollstuhl tat.

Franziskus leistet einen Dienst an uns allen. Wie er mit seinen Schwächen umgeht, das kann auch uns mit unseren Schwächen Mut machen. Denn, ja, wir sind oft überraschend schwach, auch wenn wir selten davon sprechen.

Nicht Vollkommenheit, nicht einmal Unversehrtheit ist der Normalzustand des Menschen, lehrt die christliche Botschaft. Der Mensch ist ein Versehrter des Lebens – und hat gerade darum keinen Grund, sich verloren zu geben.«

Überzeugt mich!

Die Botschaft der Sichtbarkeit in einer Welt, die Gebrechlichkeit oft versteckt: Das überzeugt mich – und kann allen, die Franziskus den Rücktritt nahelegen, zu denken geben!