In zwei mehrstündigen, am 10. Juli in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo, am 30. Juli im Vatikan auf Englisch geführten Gesprächen mit der US-amerikanischen Vatikan-Journalistin Elise Ann Allen vom Portal »Crux« hat sich Leo XIV. zu zentralen Themen in Kirche und Politik geäußert. Der große Blick in seine Seele ist es nicht.

Die Interviews waren Grundlage für ein Buch, das zeitgleich mit dem Interview am 18. September 2025 veröffentlicht wurde – in Peru, wo Robert Francis Prevost über zwei Jahrzehnte als Missionar und Bischof gewirkt hat. Weitere Buchausgaben wird es in Spanien,  Mexiko und Kolumbien geben: »Leo XIV. Weltbürger, Missionar des 21. Jahrhunderts«.

Das Interview schlug hohe Wellen, wurde aber nur sehr selektiv wahrgenommen. Hierzulande regten fast ausschließlich Aussagen zu Sexualität, Ehe, Geschlechterfragen oder Frauen(-weihe) auf.

Die einen erhofften, die anderen befürchteten einen »pontifikalen Reform-Dämpfer« (Jan-Heiner Tück). Es ist bei weitem nicht so schlimm, wie manche Reaktionen vermuten lassen. Leo will im Moment keine großen Änderungen in der Lehre der Kirche vornehmen, sondern alles synodal besprechen. Er ist sichtlich bemüht, Spannungen abzubauen und Ruhe in eine aufgebrachte, teils stark polarisierte Kirche reinzubringen. Hat er, so ein Eindruck, mehr Interesse an Weltpolitik als an innerkirchlichen Gemengelagen?

Propheten haben einen anderen Tonfall. Ich erinnere an Nelly Sachs: »Wenn die Propheten einbrächen / durch die Türen der Nacht / mit ihren Worten Wunden reißend / in die Felder der Gewohnheit …«. Von Leo ist das nicht zu erwarten. Oder vielleicht doch noch, wenn einmal die erste Enzyklika erschienen ist? Oder wenn er auf Reisen geht?

Eine Analyse, veröffentlicht in: Die Furche (Wien), Nr. 39 vom 25.09.2025, S. 9.