Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück hat es bereits getan (»Lernverweigerung«) – und Kardinal Walter Brandmüller (96) widersprochen: Das Zweite Vatikanum ist keine Verhandlungsmasse, um restaurativ-reaktionären Kräften, also »Traditionalisten«, entgegenzukommen. Auch wenn das Konzil mit seinen 16 Dokumenten zwischen Konstitutionen (4), Dekreten (9) und Erklärungen (3) unterschieden hat: Das Zweite Vatikanische Konzil kann nur als Gesamtpaket akzeptiert und darf nicht filetiert werden.
Das wäre ein Ausverkauf – und Verrat. Ich erinnere an meine drei Editorials in den »Stimmen der Zeit«: »Ist das Zweite Vatikanum Verhandlungsmasse?« (Oktober 2009), »Das Konzil vor dem Ausverkauf« (November 2011) und »Ist das Konzil schuld?« (Oktober 2012).
Brandmüllers Relativierung ist typisch für bestimmte Kräfte in der katholischen Kirche. Er hat offiziell kein Amt mehr, für mich sind diese Einlassungen trotzdem Amtsmissbrauch. Papst Johannes XXIII. (1958–1963) bezeichnete solche Stimmen als »Unglückspropheten« (profeti di sventura). Papst Franziskus (2013–2025) sprach bekanntlich davon, das letzte Konzil werde »geknebelt«.