Alfred Delp lesen und Bezüge zur aktuellen Lage von Welt und Kirche herstellen! Ein Delp-Text mit Fragen, die unter die Haut gehen – aus einer Predigt vom 28. Juni 1941 (»Du bist Petrus der Fels«):
»Sind wir noch wissende Menschen? Haben noch viele Menschen das Wissen um die letzten Hintergründe, sodass sie sich selber Auskunft geben können und nicht vor jedem Ärgernis des Schicksals ratlos stehen? Sind wir noch wissende Menschen, die etwas von Theologie wissen, von dem, was von Gott kommt und zwischen Gott und Welt und Menschen spielt? Die noch etwas ahnen von den letzten Dimensionen, wonach alle Dinge gemessen werden?
Sind wir noch entscheidende Menschen, nicht Menschen des großen Einflusses und der sichtbaren Plätze, sondern Menschen der Herzensprüfung und des schlagenden Gewissens? Wird nicht eine kommende Generation uns beschimpfen ob unseres schweigenden Gewissens?
Sind wir noch glühende Menschen? Ist noch irgend eine Leidenschaft in unserer Seele, für die man sich selbst einsetzt? Oder ist das alles so nüchtern und dürftig und schön geordnet, dass es kein Herz mehr entzündet? Der glühende Mensch! nicht der Fanatiker! Der glühende Mensch, dem man anspürt, dass er aus tausend Weihungen kommt, der an Dinge gerührt hat, die nicht auf der Straße liegen: Das ist der Mensch, auf den Kirche gebaut hat.
Sind wir noch erobernde Menschen? Menschen, die inmitten von tausend Untergängen stehen als solche, die die Welt erobern wollen wie Petrus vor dem Heiland stand, als er zu ihm sagte: ›Du bist Petrus, der Fels!‹«
Aus: Alfred Delp, Gesammelte Schriften. Bd. 3: Predigten und Ansprachen. Hg. v. Roman Bleistein. Frankfurt 1985, S. 233-243, hier 241 f. – Foto: Primizkelch von Alfred Delp in der Jesuitenkirche St. Michael, München.