Letztlich geht’s um das Konzil. Um das Zweite Vatikanum (1962–1965) und den damit verbundenen Aufbruch, der in dem Programmwort »Aggiornamento« Johannes‘ XXIII. sein Stichwort fand.

Neue Dogmen brauche es nicht, sagte der Roncalli-Papst (1958–1963) in seiner Konzilseröffnungsansprache vom 11. Oktober 1962, Verurteilungen auch nicht. Es gehe darum, den Dialog mit der Welt aufzunehmen, mit ihr positiv und nicht abwehrend ins Gespräch zu kommen, die Kirche auf die Höhe der Zeit zu bringen, in der Moderne anzukommen.

Das ist natürlich ein Dauerauftrag. Wenn die Kirche kein »Museum« werden und sich in die Sakristei zurückziehen will. Aufbruch oder Abbruch also. Aber natürlich wurde »Aggiornamento« auch als Anbiederung, ja als »Auslieferung« an den »Zeitgeist« interpretiert.

Ein gescheitertes Gespräch im Vatikan

Die von der Piusbruderschaft für den 1. Juli 2026 angekündigten bzw. angedrohten Bischofsweihen haben Krisengespräche und theologische Debatten ausgelöst. Droht ein neues Schisma? Lassen die Piusbrüder mit sich reden? Werden sie die Bischofsweihen auch ohne Erlaubnis des Vatikans vornehmen und damit eventuell einen endgültigen Bruch riskieren?

So schaut es im Moment aus, nachdem ein Gespräch (am 12. Februar 2026) zwischen Kardinal Víctor Manuel Fernández, dem Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre, und Davide Pagliarani, dem Oberen der Priesterbruderschaft St. Pius X., offenbar keine Klärung strittiger Fragen ergab. Das Fernández-Kommuniqué vom selben Tag versuchte zwar Brücken zu bauen. Aber die andere Seite beharrt auf den Bischofsweihen, durch welche sie sich die Strafe der Exkommunikation zuziehen würden. So wie 1988, als vier Bischöfe (von denen mittlerweile zwei, darunter der Holocaust-Leugner Richard Williamson, gestorben sind) geweiht wurden. 2009 hob Benedikt XVI. die Exkommunikation auf, ohne über Williamson Bescheid zu wissen.

Der österreichische Distriktsobere Johannes Regele begründet die anstehenden Weihen  mit einem »Notstand der Kirche«, der gegebenen sei, »wenn Bestand, Ordnung und Tätigkeit der Kirche in schwerwiegender Weise gefährdet oder beeinträchtigt sind«. Gefährdet sieht die Piusbruderschaft diese durch eine fortschreitende »Protestantisierung« der römisch-katholischen Kirche, durch den Verfall von Moral und Sitte und durch eine Banalisierung der Liturgie.

Das Konzil als Verhandlungsmasse?

16 Texte hat das Zweite Vatikanische Konzil verabschiedet. Mit großer Mehrheit. Natürlich kann man zwischen Konstitutionen (4), Dekreten (9) und Erklärungen (3) unterscheiden. Aber das Konzil gibt es nur als Gesamtpaket. Alles Verhandeln mit den Piusbrüdern bleibt eine Gratwanderung und ein Eiertanz. Es geht dabei gar nicht primär um Liturgie und die Zelebrationsrichtung mit dem Rücken zum Volk.

Es geht um das Kirchenverständnis (»Lumen gentium«), um das Verhältnis zur Welt (»Gaudium et spes«), um Religions- (»Nostra aetate«) und Gewissensfreiheit »Dignitatis humanae«) oder um Ökumene (»Unitatis redintegratio«), um nur einige Konfliktfelder zu nennen. Zur »Verhandlungsmasse« darf das Konzil nicht werden, es wäre sein »Ausverkauf«, wie ich 2009 und 2012 in einem Editorial der »Stimmen der Zeit« schrieb. Was heißt dann aber «Dialog«? Eine in Aussicht gestellte abgestufte Zustimmung zu einzelnen Dokumenten des Konzils wäre ein Verrat. Wäre das der Preis für eine Einigung? Papst Franziskus sprach von einem «geknebelten« Konzil.

Es geht um rechtliche Fragen, etwa einen Sonderstatus für die Piusbruderschaft, wie sie früher dem Opus Dei als Personalprälatur gewährt wurde. Zwei Bischöfe, 735 Priester in aller Welt, 250 Seminaristen: Die traditionalistische Vereinigung bringt es seit Jahren fertig, dem Vatikan auf der Nase herumzutanzen. Sie geben sich päpstlicher als der Papst – egal ob er Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus oder Leo heißt. Dessen Wahlspruch lautet bekanntlich »In illo uno unum«. Schauen wirklich alle auf den einen: Christus? Oder eher auf sich selbst?

Kirche heute – missionarisch ausgerichtet, synodal aufgestellt oder nostalgisch nach hinten orientiert als liturgische und theologische Sonderwelt, die sich abschottet?

Jan-Heiner Tücks im Kölner Domradio im Gespräch mit Mathias Peter getroffene Einschätzung mit drei möglichen Szenarien halte ich für realistisch. In der März-Ausgabe der Herder Korrespondenz (HerKorr 80, 3/2026, 7) schreibt Annika Schmitz (»Weihen sie wieder?«): »Sollte der Vatikan sich auf einen Konzilsdeal mit den Piusbrüdern einlassen, dürfte zu erwarten sein, dass (nicht nur) die Riege der Theologen Sturm läuft. Der Vatikan tut seinerseits gut daran, sich von den Piusbrüdern nicht vorführen zu lassen.«